Museumsgeschichte

Die 1970er-Jahre
Die Glentleiten entsteht
„Fangt endlich an“ hieß 1972 das erste Heft aus der Schriftenreihe des Glentleitner Fördervereins, des „Freundeskreises Freilichtmuseum Südbayern e. V.“ Zu diesem Zeitpunkt war der Gründungsbeschluss für ein Freilichtmuseum des Bezirks Oberbayern bereits gefallen (1971 hatte der Bezirkstag den Beschluss gefasst), doch war noch nicht ganz klar, wo dieses entstehen sollte – denn mehrere Standorte standen zur Diskussion. Schließlich erwarb der Bezirk Oberbayern für 300.000 DM noch im Sommer desselben Jahres vom Haupt- und Landgestüt Schwaiganger ein 15 ha großes Areal an der Glentleiten.
Im Juli 1973 erfolgte der erste Spatenstich, mit dem der Wiederaufbau des Hoderer-Hofs aus Kochel begann. Innerhalb von nur drei Jahren errichtete die erste Generation der Glentleitner Handwerker zwölf weitere historische Gebäude, sodass der Gründungsdirektor Dr. Ottmar Schuberth (1911-2001) mit seinem Team am 15. Oktober 1976 13 Höfe und Stadel samt der Thürlmühle als Eingangsgebäude sowie den künstlich angelegten Weiher der Öffentlichkeit übergeben konnte. Sowohl der Kramerladen im Mesner- Hof als auch die Töpferei im „Zehentmaier“ nahmen als Pachtbetriebe ebenfalls ihren Betrieb auf.
Die 1980er- und 1990er-Jahre
Ausbau und neue Methoden
1982 nahm der Bezirk Oberbayern das 1977 eröffnete und bis dahin von einem Verein betriebene „Ostoberbayerische Bauernhausmuseum Amerang“ in seine Trägerschaft und gliederte es der Glentleiten an. Dr. Helmut Keim, seit 1979 Museumsdirektor, hatte nun zwei rund 115 km voneinander entfernte Museen zu betreuen, wenngleich auch vor Ort natürlich Mitarbeitende tätig waren und ein örtlicher Leiter sich um das Tagesgeschäft kümmerte.
Mit dem „Kerschlacher“ ist seit 1986 erstmals eine gesamte, auch am ursprünglichen Standort zusammengehörende Hofanlage bestehend aus einem kleinen Einfirsthof mit jüngeren Anbauten und zwei Nebengebäuden zu sehen. Im selben Jahr begann Helmut Keim, die historischen Gebäude beim Wiederaufbau mit einer Temperierung zu versehen, und setzte damit für den Erhalt historischer Bausubstanz und Objekte durch die kontinuierliche Weiterentwicklung der Methode neue Standards.
1988 eröffnete im Starkerer-Stadel eine Selbstbedienungsgaststätte, im selben Jahr steht auch das erste Gebäude in der bis heute in deutschen Freilichtmuseen einmaligen Baugruppe „Almwirtschaft“, die das Almleben von der Zeit um 1800 bis in die 1970er-Jahre zeigt.
Mit dem Weberhäusl aus Straß setzt das Museum einen weiteren Meilenstein in der Museumsgeschichte: Denn darin wird durch die erstmals in dieser Dichte mögliche „ganzheitliche“ Präsentation eines Gebäudes (die Ausstattung, die dort bis 1981 in Gebrauch war, konnte komplett übernommen werden) ein besonders hohes Maß an Authentizität erreicht.
Ein Novum für Freilichtmuseen in Deutschland war 1983 die Einrichtung einer ersten Stelle für Museumspädagogik. Seither wurden explizite Angebote für Kinder und Familien, spezielle Themenführungen etc. entwickelt und durchgeführt. Ein Höhepunkt für viele kleine Glentleiten-Besuchende war dabei sicher das Ferienprogramm „Guglfing“, das im Sommer jeweils eine Woche lang Dorfleben um 1900 wieder aufleben ließ.
Die 2000er- und 2010er-Jahre
Zielgruppenorientierung
Platz für die sachgerechte Aufbewahrung von Objekten war und ist immer rar. Daher entstand 2004/05 oberhalb des jetzigen Eingangsgebäudes zusätzlich zu den bestehenden Lagerflächen ein neues Depot. Die Sachgutsammlung – mittlerweile an der Glentleiten allein aus über 90 000 inventarisierten Objekten bestehend – umfasst neben den Exponaten, die in den historischen Gebäuden ausgestellt werden, noch viele weitere Stücke zur ländlichen Alltagskultur Oberbayerns. Dazu gehören etwa Möbel, Kleider und Wäsche, Objekte populärer Frömmigkeit, aber natürlich auch land- und forstwirtschaftliche Maschinen, Werkzeug usw. – zeitlich umfasst die Sammlung Stücke, die vor allem aus der Zeit vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre stammen.
Mit dem Amtsantritt von Dr. Monika Kania-Schütz 2004 als Direktorin der Glentleiten hielt in den 2000er-Jahren die Besucherforschung an der Glentleiten Einzug. Für die beiden oberbayerischen Freilichtmuseen Glentleiten und Amerang entsteht auch ein gemeinsames Corporate Design, man präsentiert sich nicht nur mit einer stets aktuellen und ausgebauten Website, sondern geht auch erste Schritte in den Sozialen Medien.
Bereits bestehende Exponatgebäude wie das Mirznhäusl aus Grünwald oder das Wagnerhäusl aus Brandstätt werden zielgruppenorientiert neu präsentiert: als „Haus zum Entdecken“ für Kinder mit einer interaktiven Rätselrallye und als inklusiv gestaltetes Gebäude zum „Hören, Fühlen und Begreifen“ für blinde, sehbehinderte und sehende Besuchende gleichermaßen.
Ein seit Jahren gehegter Wunsch, der intensiv und mit viel Herzblut vorbereitet worden war, wurde zwischen 2016 und 2018 Wirklichkeit – der eines multifunktionalen modernen Eingangsgebäudes mit einem ausreichend großen und gut ausgestatteten Raum für Sonderausstellungen, einem Museumsladen mit Wohlfühlcharakter und einer Gastronomie mit Schaubrauerei und einem der schönsten Ausblicke ins bayerische Oberland.
Die 2020er-Jahre
Näher an die Gegenwart und in den Norden
Mit größeren Infrastruktur-Maßnahmen ging es in den 2020er-Jahren weiter: Bereits das Eingangsgebäude war 2018 mit Photovoltaikanlagen auf dem Dach versehen worden. Nun folgte der Bau einer Hackschnitzelheizanlage samt Solarthermieanlage und weiteren Wärmepumpen im Gelände, sodass die Wärmeversorgung komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden konnte. Weitere Photovoltaikanlagen werden folgen, sodass auch der Strom nachhaltig und möglichst klimaneutral erzeugt wird.
2021 erfolgte der Spatenstich für einen neuen Bauabschnitt: Unterhalb des Eingangsgebäude entsteht die Baugruppe nördliches Oberbayern. Damit sind dann alle Teile des Bezirks im Freilichtmuseum mit ländlichen Bauten präsent.
Mit Dr. Julia Schulte to Bühne hat die Glentleiten seit 2022 eine Leiterin, die einen Schwerpunkt auf die jüngere Vergangenheit legen möchte. Noch unter Dr. Kania-Schütz kam als Exponatgebäude schon 2021 eine Tankstelle aus den 1950er-Jahren hinzu. Die Präsentationszeit des jüngst eröffneten Oberländer-Hofs aus Oberzeitlbach sind die 1970er-Jahre. Die Erweiterung der im Freilichtmuseum gezeigten Häuser und Sammlungsobjekte könnten in Zukunft auch Gebäude wie einen Kiosk oder eine Diskothek sowie in der Sachgutsammlung ein Bonanza-Fahrrad, Quellekataloge und so weiter umfassen.
2024 erfuhr das Freilichtmuseum mit der Angliederung der Sammlung Tracht – Gwand – Mode (ehemals Zentrum für Trachtengewand) in Benediktbeuern einen weiteren Zuwachs: sowohl an Textilien – rund 20 000 Stücke kommen hinzu – als auch an Personal (fünf neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden Teil des Teams).
Heute
Der Stand der Dinge
Heute (Stand 2026) besteht das Freilichtmuseum Glentleiten aus fast 70 historischen Gebäuden auf einem etwa 40 ha großen Museumsgelände. Dazu gehören von Anbeginn Tiere auf den Weiden, Gärten, Wiesen und Felder. In Amerang können mittlerweile 17 Häuser besichtigt werden, 2025 eröffnete dort ein neues Ausstellungsgebäude, das durch seine nachhaltige Bauweise neue Maßstäbe setzt. Insgesamt arbeiten in den oberbayerischen Freilichtmuseen Glentleiten und Amerang 80 Personen in den Bereichen Handwerk und Bau, Wissenschaft mit Restaurierung, Kulturlandschaftspflege, Museumspädagogik, Veranstaltungsorganisation, Kommunikation, Besucherservice und Verwaltung. Sie bilden ein interdisziplinäres Team, das sich mit Engagement der Aufgabe widmet, Oberbayerns Landleben von einst, seine Alltags- und Baugeschichte für heute und die Zukunft einem breiten Publikum mit Spaß und Freude zu erhalten und zu präsentieren.
























