Wetzsteinmacherei aus Unterammergau

Zwei miteinander verbundene Gebäudeteile. Eines der Häuser besitzt ein Wasserrad, das über einen Mühlkanal mit Wasser versorgt wird.

Präsentationszeit: um 1930

Antrieb: oberschlächtiges Wasserrad

Die Baugruppe „Wetzsteinmacherei“ besteht aus Schleif- und Stelzenhütte, aus Beckhütte und Kalter. Seit dem 16. Jahrhundert wurden in Unterammergau, Ohlstadt, Pessenbach bei Kochel, Buching und Schwangau Wetzsteine aus dem in dieser Gegend vorkommenden harten Kalkstein hergestellt. In Unterammergau überstieg die Produktion seit jeher den regionalen Bedarf. Ab dem 19. Jahrhundert wurden die Wetzsteine, die in der Landwirtschaft zum Schärfen von Sensen und Sicheln benötigt wurden, gemeinschaftlich vertrieben und bis in die Donauländer exportiert.

Die Wetzsteinmacherei war eigentlich immer Nebenerwerb: Während die Männer in den Steinbrüchen und Schleifmühlen arbeiteten, versorgten die Frauen die Landwirtschaft. Das Gewerbe war stark von natürlichen Ressourcen wie Steinmaterial und Wasserkraft abhängig. In Unterammergau wurde das Gestein in Steinbrüchen oberhalb des Dorfes gewonnen, im Jahr 1865 gab es hier 52 Steinbrüche. Die Steinplatten wurden in insgesamt 32 Mühlen weiterverarbeitet, davon waren 19 sogenannte Doppelmühlen.

Technische Neuerungen steigerten im Laufe der Zeit die Produktivität: 1846 wurden Stelzen eingeführt, so konnte der Schleifvorgang mechanisiert werden. Der Einsatz von Bandeisenschneidegeräten erleichterte ab 1880 den Zuschnitt der Wetzsteine. Bereits 1817 schlossen sich die Wetzsteinmacher in der „Steinheil Companie“ zusammen und organisierten den Vertrieb gemeinschaftlich, ab 1902 erfolgte dieser auf genossenschaftlicher Basis. Hauptabsatzmarkt waren die Donauländer.

Als mit der Mechanisierung der Landwirtschaft um 1950 Sensen und Sicheln allmählich verschwanden, wurden auch Wetzsteine nicht mehr gebraucht – die Herstellung kam zum Erliegen.

Wasserkraft für Grob- und Feinschliff

Schleif- und Stelzenhütte stammen von derselben Wetzsteinmühle. Ursprünglich teilten sich zwei Besitzer Schleifhütte und Wasserkraft. Die deshalb so bezeichnete Doppelmühle war in den beiden Teilen spiegelbildlich eingerichtet. Beim Abbau des Gebäudes gab es aber die Einrichtung und die zweite Stelzenhütte schon nicht mehr, sie wurden im Freilichtmuseum auch nicht rekonstruiert.

Alle Schneide- und Schleifgeräte werden von einem oberschlächtigen Wasserrad angetrieben. Über ein Holzgerinne wird das Wasser von oben auf das Rad geleitet – der Vorteil: wegen des Gefälles reicht schon eine relativ geringe Menge aus, um die Mechanik in Gang zu setzen. Ein hölzerner Wellbaum mit Zahnradübersetzung bringt den Schleifstein und später, um 1920, zusätzlich eine hochtourige Schmiergelscheibe zum Rotieren. Beide befinden sich in der Schleifkammer, der Werkstatt für den Feinschliff der Wetzsteine.

Stelzenhütte

Durch die Drehbewegung des Wasserrades wird mittels einer Kurbel die Schubstange angetrieben, welche die Schneide- und Schleifgeräte in der Stelzenhütte in Gang setzt. Im „Schielenschneider“ werden die Steinplatten auf eine einheitliche Breite von vier Zentimetern zurecht geschnitten. Die dafür benötigten Bandeisen sind in einen Rahmen eingespannt, ein Gemisch aus Wasser und Quarzsand unterstützt die Sägewirkung. Der „Kliebschneider“ funktioniert nach dem gleichen Prinzip, hier werden die Rohlinge auf eine einheitliche Stärke geschnitten.

In einem nächsten Schritt werden sie in der „Stelze“ mit Hilfe von Stelzenmodeln aus sehr hartem Sandstein oder Granit an den Seiten rund geschliffen. In der „Lehrstelze“ werden auf dieselbe Weise extra lange Wetzsteine geschliffen.

Warm war es nur in der Beckhütte …

Die Beckhütte war der einzig heizbare Arbeits- und Aufenthaltsraum der Wetzsteinmacher, denn der Blockbau aus zweitverwendetem Baumaterial war mit einem Ofen ausgestattet. Im Winter wurden hier die Rohlinge „gebeckt“ – also grob  zugehauen. Zur Einrichtung gehörten Wandbank, Klapptisch und Werkzeugkasten, ein Lehnstuhl und der Beckamboss. Die Innenwände waren mit Kalkfarbe ausgeweißelt, um das wenige einfallende Licht besser zu nutzen.

… im Kalter dafür besonders feucht

Der Kalter ist ein in den Hang gegrabener, kellerartiger Raum. Solche Gebäude gab es bei jeder Schleifmühle und auch im Steinbruch. Die Wände sind ohne Mörtel aus Steinplatten aufgeschichtet, die Decke besteht aus nebeneinander liegenden  Baumstämmen und ist mit Erde, Moos und Gras abgedichtet. Hier konnten Steine und Rohlinge feucht, aber frostsicher aufbewahrt werden. Der Kalter hier im Freilichtmuseum ist ein Nachbau.